Lieber Papa,

Meine Briefe an dich fangen schon seit einiger Zeit mit ‘Es sind nun schon x Monate vergangen…’. Erst waren es noch Stunden, dann Tage und Wochen. Bald werden es Jahre werden. Zeit. Unwirklich. Realität. Wenn möglich noch unwirklicher.

Und doch so wirklich wahr. Du, dieser Mensch, mein Papa, bist nicht mehr. Nicht mehr in der Form eines Körpers, den ich umarmen kann. Nicht mehr in der Form einer Stimme, mit der ich reden kann. Nicht mehr in der Form der Veränderung, die das älter werden mit sich bringt. Nicht mehr in der Form von neuen Ideen oder Fotos oder Briefen. Nicht mehr in der Form.

Ich habe ein Lied geschrieben über deinen Tod. Ja deinen Tod. So will ich das gerade schreiben. Nicht ‘Abschied’ oder ‘Übergang’. Der Tod. Du bist gestorben. Puh, Letzteres klingt definitiv und irgendwie hart. So erfahre ich den Tod bisher nicht. Oder nicht nur.

Das Lied, es kommt mir gerade in den Sinn. Ich bin dankbar für diese Zeilen und die Melodie, die sich in mir gefunden haben. Die stets wieder in Herz und Seele reichen, zeigen wo’s noch weh tut. Wo noch geweint und geheilt werden darf.

 

Soll ich es dann doch sagen? Ja. Es sind nun schon fast 6 Monate vergangen. Ein halbes Jahr. Ein halbes Jahr seit den letzten Worten und klaren Momenten am Telefon zu Heiligabend. Ein halbes Jahr seit Lena und ich am ersten Weihnachtstag den Anruf bekamen und eine Stunde später mit gepackter Tasche im Zug gen Norde saßen. Ein halbes Jahr seit wir in der Nacht zum zweiten Weihnachtstag deinen letzten Atemzug miterleben durften.

Bam!

Und auf einmal ist alles anders.

Ein Blick. Lachen. Weinen. Erleichterung. Trauer. Dankbarkeit. Erschöpfung.

Der Körper. Es ist direkt klar, dass ‘du’ nicht mehr dort bist. Gedanken. “Ich spüre tatsächlich keinen Puls mehr. Wie lange dauert es wohl, bis ein Körper abkühlt? Und erstarrt?”

Wir öffnen das Fenster. Frische Luft. Raum für alle Energie um sich frei zu bewegen.

Später verwandelt sich das Krankenbett in ein Totenbett, inklusiv Blütenblättern auf dem weißen Betttuch. Unwirklich. Echt.

Lena und ich bleiben diese Nacht auf der Palliativstation. Mit den ersten Sonnenstrahlen zeigt sich ein strahlender, eiskalter, frostüberzogen glitzernder neuer Tag. Mittags gehen wir spazieren, dort im Park bei euch zu Hause. Das erste Mal seit deinem Tod.

 

Heute.

Heute ist es Sommer. Die Vögel zwitschern. Die Natur ist auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung. Überschwänglicher Überfluss. Ich habe gestern den Mond fast voll strahlen und heute die Sonne aufgehen sehen.

Der Winter scheint weit weg. Manchmal vergesse ich beinahe, dass ich noch Trauer mit mir trage. Das Leben wartet nicht, es lebt weiter und das ist gut so. Doch neben machen, kreieren, zelebrieren ist auch die Trauer da und ich bin dankbar für alles was mich daran erinnert. Ein Gedanke, ein Gespräch, eine Frage, ein Datum… Mit der Zeit und steter Auseinandersetzung schreitet die Trauer voran, bewegt sich, nimmt andere Formen an, zeigt mir neue Landschaften und Schichten der Gefühle.

Danke für’s “Lesen” lieber Papa. Obwohl ich sollte mir vor allem auch selbst danken für’s Fühlen und Schreiben. Also danke, Sarah.

Groetjes uit Langbroek,

Sarah

PS. Ich hörte heute Morgen, nachdem ich diesen Brief geschrieben habe, dass heute Vatertag ist in Holland! Was eine schöne Synchronizität. 🙂

 

PPS. Für alle anderen Leser, dies ist natürlich nur ein Bruchteil der Geschichte. Vlt folgt einandermal mehr. Wie auch immer, fühlt Euch frei in den Comments oder über die Kontaktseite Fragen, Gedanken, eigene Erfahrungen zu teilen! Ich finde, es ist wichtig, dass wir nicht nur das Leben, sondern auch den Tod und alles dazwischen und darüber hinaus mit einander besprechen und erleben können. Herzlich willkommen dazu! ❤

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